Der schiefe Turm des Anspruchs

Gestern war ich mit dem kleinen Piranha zur U7 – Part #7 der mittlerweile jährlichen Vorsorge-Untersuchungsreihe, zu der wir mit gezücktem gelben Heft und Rückschein-Kärtchen der Behörde bei unserer Kinderärztin angerückt sind. Das „Wir waren dabei“ der Bürokratie sozusagen, aber angesichts der tragischen Kinderschicksale in den vergangenen Jahren eine sehr lobenswerte Initiative.

Agility-Kurs für Piranhas

Noch bevor es für den kleinen Piranha auf die Sitzwaage ging, kam die Sprechstundenhilfe um ein paar Tests durchzuführen, ob mein Sohn motorisch und kognitiv seinem Alter entsprechend entwickelt ist. Das bedeutete für den Piranha, zunächst einen Turm aus Bauklötzen zu erschaffen, ihn dann zu zerstören und anschließend Rosinen in ein Glas ein- und umzufüllen. Was ein bisschen an einen Agility-Kurs in der Hundeschule erinnerte, irritierte auch den kleinen Piranha. Nachdem er sich einige Minuten mit dem Ansinnen der Sprechstundenhilfe auseinander gesetzt hatte, setze er sich erstmal auf den Boden und begann besonnen zu bauen. Zerstören wollte er sein Meisterwerk allerdings partout nicht.

Abzug in der B-Note? Fuck it, so what!?

Ob es dafür den berühmt-berüchtigten Abzug in der B-Note gab, erfuhren wir nicht, aber als die Sprechstundenhilfe mich anschließend fragte, ob er denn schon Zwei-Wort-„Sätze“ bilden könne und über ein Vokabular von 50 Wörtern +  („Auch Worte, die nur Sie verstehen“ rechtfertigte die Arzthelferin die Piranha’sche Semantik) verfüge, kam ich kurz ins Zögern. Mental ging ich sein überschaubares Vokabular durch, das noch überwiegend aus Drei-bis-Vier-Zeichen-Konstruktionen wie „Bär“, „Ball“, „mehr“ und „MAMA“ besteht. Dass er schon 50 Wörter beherrschte, hielt ich für unwahrscheinlich – doch überlegte gleichzeitig, was die Kinderärztin für Schlussfolgerungen ziehen würde, wenn der kleine Piranha „durchfallen“ würde. Würde sie meinem Kind eingeschränkte Intelligenz attestieren? Nach kurzer Überlegung resümierte ich gedanklich „Fuck it!“, freundete mich mit einem womöglich intelligenten Mittelmaß meines Kindes an und erklärte wahrheitsgemäß den sprachlichen Status des Piranhas.

Talents

(Bild-Quelle)

Werte versus Mainstream

Was wäre ich denn für eine Mutter, wenn ich – nur um einem fiktiven „Mainstream-Maß“ zu genügen – unwahrheitsgemäße Angaben machen und damit meine eigenen Werte über Bord schmeißen würde? Denn ich bin der festen Überzeugung, dass der kleine Piranha seinen Weg gehen wird und alles, was ich ihm als Mutter mitgeben möchte, ist ein gesundes Selbstwertgefühl, Urvertrauen in das Gute im Menschen, Toleranz, Empathie und einen Gerechtigkeitssinn, der ihn für andere einstehen lässt.

Ob er später einen Universitätsabschluss, eine Promotion oder eine Tischlerlehre absolvieren wird, ist dabei völlig schnuppe. In dieser Hinsicht bin ich meinen Eltern sehr dankbar, die es ähnlich handhabten und mich immer ermutigten und unterstützten, mich meinen Talenten entsprechend auszubilden und beruflich zu orientieren. Und sie waren dabei immer unheimlich stolz und interessiert, was ich tat („Das Kind macht was mit Medien“).

Die Moral von der Geschicht: Der kleine Piranha darf gerne gegen den Strom schwimmen. In seinem eigenen Tempo. Und seinem eigenen Look, Gedanken und Gefühlen. Ich werde alles tun, um ihn bei der Entfaltung (s)einer glücklichen, selbstbewussten, mitfühlenden Persönlichkeit zu unterstützen. Nur wenn er seine Flossen einmal dazu einsetzen sollte, andere zu ärgern oder zu verletzen, bekommt er mit mir ein ernsthaftes Problem.

Sonnige Grüße,

Eure Single City Mama

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