Crazy times, lazy days!

Lieblingsleser,

wir sind wieder da! Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen für die lange Funkstille, für die es gar keinen logischen Grund gibt. Der ganzen Familie geht es den Umständen entsprechend gut – bis auf den obligatorischen Lagerkoller und die Ausbrems-Lethargie, die in den letzten Wochen nur von wenig aktiven Taten wie etwas dem Ölen unseres Balkons oder meinem wenig-professionellen Lackieren unserer Küchenschränke, durchbrochen wurde.

Der kleine Piranha ist seit Wochen zuhause und meiner weitestgehenden Exklusiv-Bespaßung definitiv überdrüssig. Ich kurz-arbeite mich mit 12,5 Wochenstunden durch das Homeoffice, habe aber zum Glück noch meine Mini-Selbstständigkeit als Texterin und Übersetzerin, die Gehaltseinbuße gut kompensiert. Vor allem aufgrund des Gartens geht es uns wirklich gut und wir können nicht klagen, auch wenn uns die Decke auf den Kopf fällt.

Auch Baba-Opa ist trotz seines fortgeschrittenen Alters (in einpaar Wochen wird er 74) und Vorerkrankungen zum Glück putzmunter und auch nicht übermäßig besorgt. Da wir so nah beieinander wohnen, hatte eine räumliche Trennung unserer „Schicksalsgemeinschaft“ (O-Ton Tante Hu) gar keinen Sinn gemacht und wurde von Baba-Opa vehement verweigert.

Wenn ich nicht arbeite und mir vor der Videokonferenz noch schnell den Alibi-Mascara auf die Augen pinsel, spielen das Kind und ich Brettspiele, basteln und ausflügeln, soweit es Kreativität und Energie zulassen. Der Piranha guckt viel Woozle Goozle, Checker Tobi und andere „Lernformate“, die er total großartig findet und macht Karate via Zoom. Ich bin total begeistert, was so viele Anbieter während der Krise binnen kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben. Nachher filme ich das stolze Kind für seine allererste Gürtelprüfung. Auch Alba Berlin ist toll – aber leider fehlt dem Piranha nach anfänglicher Euphorie oft die Muße für die Work-outs.

Apropos Muße – Ich hatte mir selbst ganz fest vorgenommen, einen Online-Sportkurs zu absolvieren, habe aber meine Vorsätze – passenderweise zusammen mit „Pretty Little Liars“- im abendlichen Vino ertränkt. Und mir von dem Erlös eines Extra-Jobs einen Crosstrainer für mein Schlafzimmer gekauft, der aber noch nicht eingezogen ist. Bam!

Ich vermisse unseren Alltag sehr. Weniger den täglichen Stress und die Job-Kita-Hobby-Logistik – und auch die ein wenig – aber meine Freunde, die Kaffeeklatsche, Spielplatzdates, Bummeln, Kurztrips, Essen gehen… Oft merkt man erst, wie sehr man etwas schätzt, wenn es weg ist. Wie sagt man so schön? „Absence makes the heart grow fonder“.

In 4 Wochen heiratet meine liebe Freundin und Piranha-Patentante Phili in Thüringen und der kleine Piranha und ich sind als Trauzeugin und Trauzeugen-Kind geladen. Mit dem Brautpaar hoffen wir sooo sehr, dass die familiäre Schloss-Hochzeit stattfinden kann.

Obwohl es uns gut geht, freue mich sehr auf Normalität. Der kleine Piranha fragt mittlerweile auch immer öfter, wann er wieder in die Kita kann – eine Frage, die vor einigen Monaten undenkbar gewesen wäre. Er mag zwar seine Kita, aber genießt als Prinz Piranha auch lümmelige Tage auf unserem Big Sofa sehr. Jetzt hat er offensichtlich genug gelümmelt und sehnt sich nach seinen Kumpels, mit denen er spielt, „Kämpfe macht“ und die Spielplätze auf links dreht.

Immerhin: Ich habe es die letzten Wochen endlich geschafft, einpaar Bücher zu lesen (aktuell gerade Shanghai Baby von Wei Hui), unser Bankirai-Holz zu schrubben und zu ölen, den kleinen Piranha bei Club Creo (einem Bastel-Abo) anzumelden und kreativ zu etwa 30 Prozent auszulasten, mit abwechslungsreichen Speisen – rotierend Fischstäbchen, Pfannkuchen und Dino-Nuggets mit Erbsten-Möhrchen-Kombos, Nudeln mit Tomatensauce, Milchreis mit Früchten und Tortellini – zu verköstigen. An mir ist definitiv kein Jamie Oliver vorbeigegangen, aber ich gebe mir Mühe, einen Hauch von Struktur zu wahren. Fake it till you make it.

Einmal haben wir Salzteig hergestellt, etwa 15 Ausflüge unternommen, Brettspiele gespielt und viel gechillt. Komisch – so normal Videotelefonie-Tools wie Webex, Teams, Skype und Zoom im Job werden, so ungern mache ich das privat. Wer von meinen Real-Life-Freunden mitliest: Bitte nehmt es nicht persönlich. Ich kann das nicht gut und habe eine natürliche Aversion gegen Videocalls. Nicht mal Facetime.

Wir haben einen Brief von der Grundschule bekommen, dass der Piranha voraussichtlich am 11. August eingeschult wird und sind entsprechend aufgeregt. Auch der 6. Geburtstag des kleinen Mannes am Pfingstmontag ist geplant – noch steht die betreute Piraten-Sause inklusive Floßbau auf einem Hamburger Spielplatz. Ich hoffe, es bleibt so – auch, weil ich so froh war, in diesem Jahr mal den Vorbereitungsstress und Animation outzusourcen.

In einem Anflug von „Wenn nicht jetzt, wann dann“ habe ich mich kürzlich auch meiner Angst vor der Angst gestellt und nach rund 3,5 Jahren meine medikamentösen Gefühlsschalldämpfer abgesetzt. Eine ganz neue Welt, Ihr Lieben. Emotionen leuchten wieder in viel bunteren Farben – und, ganz wichtig, ich habe keine Panik. Ich hoffe, das bleibt so. So schön es manchmal ist, gefühlstechnisch etwas abzustumpfen, so schön ist es auch, Freud und Leid intensiver zu empfinden. Sage ich jetzt. Ihr dürft mich zitieren.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut, meine Lieben. Dass Ihr gesund und munter seid und die vergangenen Wochen so gut wie irgendmöglich gerockt habt. Seid nachsichtig mit Euch selbst, auch wenn Ihr keine 8 Kilo Salzteig gebacken und die Kids zum Einstein gehomeschooled habt – das InstaGras ist doch immer etwas grüner ;-)-

Liebste Grüße von Eurer Single City Mama

Fundstück: „Was alles war“ von Annette Mingels

Hallo Ihr Lieben,

nachdem ich heute den fünften Morgen in Folge mit Fieber, das an der 40 Grad-Marke kratzte, aufgewacht bin, bin ich noch mal zu meinem Hausarzt gedüst und habe mir ein unaussprechliches Antibiotikum geben lassen. Er vermutete zwar zunächst einen Virus, aber da sich wirklich nullkommanull Besserung einstellte, darf jetzt die Keule ran (und ich fühle mich nach zwei Einheiten schon etwas besser und glühe nicht mehr wie ne 60 Watt Birne).

Single City Mama_Buch

Für die Erstellung dieses Bildes musste ich erstmal zahlreiche Rotzfahnen beiseite räumen ;-)) (Bild: Single City Mama)

Die ungewohnt viele, freie Zeit habe ich heute – einem halben Regenwald verschnaubend  – auf dem Sofa gelegen und ein Buch gelesen, das ich für die Arbeit rezensieren will. Aber es hat mich so begeistert, dass ich es auch hier sehr passend finde, denn es ist nicht nur sehr schön und intensiv erzählt, sondern setzt sich auch eindringlich mit dem Thema „Familie“ auseinander. Was uns prägt – Erziehung oder Gene? Die Entscheidungen, die wir treffen? Und die Achtsamkeit, die uns häufig im Alltag fehlt.

Die Protagonistin Susa, Meeresbiologin, wurde als Baby adoptiert und wuchs bei liebevollen Adoptiveltern auf. Mit Mitte dreißig lernt sie Henryk kennen, der nach dem Tod seiner Frau seine kleinen Töchter allein großzieht. Susa und Henryk verlieben sich und werden eine Familie, die wenige Jahre später durch das gemeinsame Baby Leve ergänzt wird. Zu Beginn des Romans nimmt Susas leibliche Mutter Viola, eine Weltenbummlerin und (Über-) lebenskünstlerin, wieder Kontakt zu Susa auf. Diese ist hin- und hergerissen zwischen Befremdung, durch die narzisstischen Züge der Frau, zu der sie keinerlei mütterliche Bindung verspürt, und der Neugier nach ihren Wurzeln.

Viola ist allerdings nur eine Randfigur des Romans, die Susa zum Nachdenken anregt. Das Kennenlernen ihrer unbekannten Brüder, die Suche nach ihrem biologischen Erzeuger, der schmerzhafte Tod ihres geliebten Adoptivvaters und die kriselnde Ehe zwischen Susa und Henryk, die sich in den Spannungen des Alltags gegenseitig zu verlieren drohen – das alles geht unheimlich unter die Haut.

All die Fragen, die wir nicht stellen wollen. Die Prioritäten, die wir setzen – jede Entscheidung für etwas, sagt Susa, ist auch die Entscheidung gegen etwas.

Lyrisch meisterhaft schildert Annette Mingels die Zerrissenheit vieler Frauen. Der konstante Spagat zwischen eigenen Bedürfnissen und denen der Partner oder Kinder, Kind und Karriere – schließt das eine realistisch das andere aus? Hetzen wir zu sehr durch unseren Alltag? Und das große Thema Patchwork. Können wir nicht-leibliche Kinder ebenso lieben wie unsere biologischen? Wie wichtig ist der Kontakt zu biologischen Halbgeschwistern? Sind das fremde Menschen – oder verbindet das Blut quasi instinktiv?

Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die Erziehung einen weitaus größeren Einfluss auf unsere emotionale Entwicklung und Reife hat, als unsere Gene. Wer sich geborgen und geliebt weiß, dem mangelt es an nichts. Ist das naiv? Bleibt trotzdem eine Leere, wenn Fragen ungeklärt sind? Ich weiß es nicht, da ich mir diese Fragen bisher nie gestellt habe. Sicher würden sie in einer Patchworkbeziehung relevant werden.

Worin ich mich wiedergefunden habe, ist die Reue Susas, über Zeit, die ungenutzt blieb, Dinge, die nicht gesagt wurden. Wenn ich mit 25 gewusst hätte, dass mir nur so kurze Zeit mit meiner Mutter bleiben würde, hätte ich nicht ständig an meinem Handy oder Computer geklebt, um mich über Dinge mit Menschen auszutauschen, die heute keinerlei Bedeutung mehr haben. Ich hätte gerne noch so viel mit ihr geredet, sie so viel gefragt, nicht nur als Mutter, sondern auch als Freundin.

Manchmal ertappe ich mich, wenn ich abends ko und genervt bin, wenn der kleine Piranha zum x-sten mal maulig etwas einfordert. Oft schäme ich mich fast, wenn ich – wie jetzt – mein Bett für mich brauche. Doch der Gedanke, dass ich diese Zeit nicht intensiv genug erlebe, macht mir Angst. Sie geht so wahnsinnig schnell vorbei. Wir saßen heute auf dem Teppich und haben Duplo Züge gebaut. Ich konnte kaum sprechen, aber kleine Piranha hat mich mit seinem Arztkoffer untersucht und wir waren auf Augenhöhe. Ich möchte diese intensiven Momente mit meinem Kind, und auch mit meinem Vater und meiner Schwester.

Ich hoffe, alle drei wissen, wie sehr ich sie liebe. Ich hoffe, meine Mutter wusste es, auch wenn sie manche Tage meinen Kopf nur hinter einem Laptop-Display entdeckte und deswegen traurig war. Ich wünsche mir ein öfteres Innehalten im Alltag, Zeit für gute Bücher, tolle Gespräche und Begegnungen. Mehr Kraft zum Loslassen. Mehr Mut zu Ehrlichkeit. Und mehr Liebe für sich selbst mit allen Stärken und Schwächen. Ich sage inzwischen, was ich denke und fühle, und bin der festen Überzeugung, dass alles, was einen Platz in Deinem Leben haben soll, einen bekommt. Dass wir uns so wenig wie möglich verbiegen sollten. „Was alles war“ war eine echte Bereicherung und hat einen tristen Tag sehr viel schöner gemacht!

Liebe Grüße von Eurer

Single City Mama