Von reitenden Prinzen und roten Trucks

Hallo Ihr Lieben,

als der kleine Piranha heute mittag eine längere Siesta hielt, dachte ich über das Leben im allgemeinen – und meins bzw. unseres im besonderen nach.

Montag abend hatte ich ein Treffen, bei dem jemand das Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware ansprach. Das Thema war allerdings deutlich weniger morbide, als der Titel des Buches vermuten lässt. Es ging um das Glück und die Frage, ob wir ein glückliches und zufriedenes Leben leben. Dabei ging es insbesondere um die vielen Dinge, die wir nicht sagen und die mindestens ebenso vielen Dinge, die wir nicht tun. Warum? Schüchternheit, äußere Umstände, Normen, Zwänge, Ängste…

Red Truck on Serpentine Road Among Green Landscape of Peak District

Sei der rote Truck auf Deiner Serpentine… (Bild: Fotolia/EddieCloud)

Als der kleine Piranha also heute mittag in der „großen Heia“ leise neben mir schnarchte, lies ich vieles Revue passieren. Meine ersten Berufswünsche – Seiltänzerin und Astronautin, mein allererster Schwarm (dem ich ins Gesicht sagte, dass ich auf seinen Kumpel stehen würde, weil mir die Wahrheit zu peinlich war. Die Quintessenz war, dass der Kumpel es seinen Eltern erzählte, und die Eltern meinen und ach, das Ganze endete in einem „Hach, wie süß! Wer hätte das gedacht!“, was vermutlich blamabler als meine kindlichen Schmetterlinge war)…

Und meine ersten schriftstellerischen Ambitionen (ein Gedicht über eine Krabbe namens „Gorden“ – Ihr könnt Euch vorstellen, in welche Himmelsrichtung die schwamm…)… Meine Eltern haben mir immer unheimlich viel ermöglicht. Auslandsaufenthalte während der Schulzeit, ein Studium, das mich interessierte und ganz viel Vertrauen, dass ich meinen Weg gehen würde, auch wenn sie die Route nicht kannten…

Als ich ein Kind war, sah meine eigene Familienplanung der meiner Eltern sehr ähnlich. Meine Mutter lernte meinen Vater kennen, als sie 28 war. Ein Jahr später heirateten sie, wieder ein Jahr später kam ich und zwei Jahre darauf meine Schwester (Tante Hu). Meine Tante mütterlicherseits war die einzige Frau in der Familie, die zweifach geschieden war, und das kam allgemein nicht so gut an…

Ich glaube, länger als ich es gerne zugebe, war ich überzeugt, dass einen Tages (nachdem ich die Welt vorwärts, rückwärts und seitwärts bereist hätte) mein Traumprinz angeritten kommen und sowohl für den goldenen Ring als auch den goldenen Retriever sorgen würde. Meine Eltern würden während meiner Hochzeit in der ersten Reihe sitzen und weinen und meine Mama wäre so ziemlich die coolste, intelligenteste und sarkastischste Oma dieses Sonnensystems. Beruflich war ich irgendwas zwischen supertougher Managerin in einem Skyscraper in Chicago, Psychologin und Werbetante, die die lustigen Superlative aus dem Hochglanz-Lederjacken-Ärmel schüttelt.

Es kam dann doch ganz anders. Meine Weltreise musste ich zwei mal stornieren, weil mir entweder die Zeit, das Geld, der Mut (oder alles drei) fehlte. Kein Traumprinz weit und breit, einpaar maue Dates, einpaar schöne, einpaar investierte Gefühle, ein „ach, was solls, ich hör jetzt einfach mal auf alles zu überdenken und genieß einfach die Zeit“, das indirekt in diesem Blog endete ;-).

Meine Mutter, die so gerne Oma geworden wäre, ist heute unser Schutzengel. Mein Traumprinz nimmt vermutlich noch Reitstunden. Aber in der Zwischenzeit rocken der kleine Piranha und ich unsere kleine Familie auch ziemlich souverän allein (mit Unterstützung von Baba-Opa, Tante Hu, Claudia und Jürgen und allen lieben Freunden)…

In meinen kindlichen Träumen sticht eines besonders heraus: Ich war grundsätzlich passiv. Ich tat nichts, riskierte nichts, sondern das Schicksal kam irgendwie zu mir, ein kosmischer Anspruch mit Inkasso-Karma. Ich bin allein von der Persönlichkeit her nicht sonderlich konflikt- und risikofreudig…

Als ich ohne Beziehung schwanger wurde, war ich zum ersten Mal mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert. Schaff ich das allein? Kann ich das allein? Will ich das allein? Ich konnte und ich wollte, kämpfte mich die nächsten Monate durch die Bürokratie und sortierte meine Wünsche, meine Gefühle, mein Leben. Für mich und das kleine Leben in meinem Bauch, das sich startklar machte…

Heute rede ich mich mit meinem Piranha. Er äfft meinen Tonfall nach, wenn ich mit ihm schimpfe, zieht mir morgens die Decke weg und winkt mir aus dem Fenster zu. Es geht uns gut. Ich bin reifer, handle täglich den ganz normalen Wahnsinn, den jede berufstätige Mama mit (Klein-) Kind(ern) nur zu gut kennt…

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre das garantierte Gesundheit für mein Kind. Wenn ich alles noch mal machen könnte, würde ich wenig anders machen. Ich wäre stellenweise mutiger, würde öfter mal den Kopf ausschalten und in anderen Situationen schneller wieder anschalten. Schneller loslassen und öfter anecken. Wirklich bereuen tue ich nichts. Aber ich bin gespannt auf die Zukunft… 🙂

Eure Single City Mama

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