Die Akte Mitschnacker

Als ich klein war, ängstigte mich nichts so sehr wie die Vorstellung, dass meine Schwester oder ich einem „Mitschnacker“ zum Opfer fallen könnten. Ein Mitschnacker, erklärten meine Mutter und meine Oma uns Kindern damals, ist ein böser älterer Mann, der Kinder mit Bonbons und Versprechen in Wälder lockt, um dort Dinge mit ihnen anzustellen, die ich mir gar nicht vorstellen konnte.

father with little daughter walking to school or daycare

Vertrauen ist wichtig – doch zu welchem Preis? Wie schütze ich mein Kind vor den Gefahren? (Bild: Fotolia)

Auslöser für die Diskussion war glaube ich damals ein Fall bei XY Ungelöst und ein Vorfall, der sich vor dem Spielzeuggeschäft in der Meppener Innenstadt ereignete. Meine Schwester und ich galoppierten damals (ca. 1989) auf stationären Schaukelpferden vor dem Geschäft um die Wette, als ein Mann mir 5 Mark bot und bat, ihn am kommenden Tag im Wald zu treffen. Ich nahm die Beine in die Hand und rannte zu meiner Oma, die innerfamiliär Alarm schlug. Ob ich Angst hatte oder ihre Erlaubnis, das Geld annehmen zu dürfen, suchte, kann ich heute nicht mehr genau sagen.

Zum Glück kam ich nie wieder in eine ähnliche Situation, aber die abscheulichen Verbrechen an Kindern, die regelmäßig durch die Medien gehen, machen mich wütend, traurig und ängstlich.

Werfen Sie doch die Frage auf, wie wir unsere Kinder in einer Zeit, in der solch kranke Subjekte bis zum Verüben ihrer Tat frei herumlaufen, schützen können, ohne zur paranoiden Helikoptermutter zu werden oder den Kids die Offenheit und das Grundvertrauen in das Gute im Menschen zu nehmen?

Ich bin selbst ein sehr aufgeschlossener, kontaktfreudiger Mensch und komme schnell mit Menschen ins Gespräch. Entsprechend offen geht der kleine Piranha durchs Leben. Überall werden Leute mit einem fröhlichen „Hallo“ begrüßt und Werner und Robbie, sein Plüschgefolge, sind in unserer näheren Umgebung schon kleine Celebritites, da er sie jedem vorstellt. Die meisten Menschen, denen der kleine Piranha begegnet, sind verzückt und berührt von der Offenheit und Freundlichkeit des kleinen Mannes.

Doch es gibt im Freundeskreis auch kritische Stimmen. Als ich vergangenen Mai mit einer Freundin und ihrem kleinen Sohn nach Mallorca flog, wurde schnell klar, dass wir in punkto Erziehung nicht anders ticken könnten. Zwar war der Kleine viel disziplinierter als Ole, doch verbot meine Freundin auch Kellnern und anderen Gästen, den Kleinen zu berühren oder anzusprechen – zu groß war in ihren Augen die Gefahr, dass zuviel Aufgeschlossenheit ihn später zum Gewaltopfer prädestinieren könnte.

Verunsichert sprach ich nach dem Urlaub die Erzieher in unserer Kita und eine Psychologin an. Von beiden Experten erhielt ich den Rat, den kleinen Piranha in meiner Aufsicht gewähren und ihn sein offenes, neugieriges Wesen beibehalten zu lassen, doch ihn mit zunehmendem Alter und Verständnis auch für die Gefahren zu sensibilisieren. Die Psychologin ergänzte, dass dies besonders gut über entsprechende Kinderliteratur funktioniert – das habe ich fest geplant.

Eure Single City Mama

2 Gedanken zu “Die Akte Mitschnacker

  1. samybee schreibt:

    Deine Freundin bringt ihrem Kind vielleicht auch bei, dass jeder Fremde böse sein könnte. Und wenn das Kind dann mal groß ist und alleine in einer Stadt wohnt und studiert, fällt es von einer Panikattacke in die andere. Du bist zu deiner Oma gelaufen, weil dir etwas komisch war. Die Oma hat dir geglaubt. Bingo! Wichtig ist, dass das Kind Vertrauen zu Dir hat und Du ihm glaubst. Möchte dein Kind dann doch mal zu jemandem nicht hin gehen, ist ihm an dessen Verhalten vielleicht etwas unheimlich. Dann lass ihn und glaube ihm. Und wenn er „Nein“ zu einer Berührung sagt, auch Kitzeln oder Küsschen von der Tante, dann heißt das „Nein!“ Dann kann sich sein Selbstbewusstsein so entwickeln, dass er auch als Erwachsener noch spürt, wer ihm zu nahe kommt und mit wem er gerne zusammen ist. Und die mit Abstand meisten Übergriffe auf Kinder passieren durch Verwandte und Bekannte und nicht durch den bösen Fremden. Diese Fälle bekommen nur mehr Aufmerksamkeit durch Presse und Gesellschaft. Du machst das richtig!

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